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Author : Hildegard Burri-Bayer

Das Kirschbaumwunder

Für meinen Vater

Glitzernder Neuschnee lag wie ein schützender
Mantel über Bunkern, Gräben und Minen und
verbarg die grausamen Spuren des Krieges vor den
Augen der Soldaten, die den Auftrag erhalten
hatten, die Gegend auszukundschaften

Wie jedes Jahr an Weihnachten, wurden auch die
härtesten Männer an diesen Tagen sentimental. Sie
dachten an ihr Zuhause, ihre Frauen und Kinder,
und daran, dass sie das heilige Fest nicht
miteinander verbringen konnten. Schweigend
stapften sie hintereinander durch den Schnee.

Die tiefe Stille in der unendlichen Weite der
russischen Steppe, ließ Deutschland noch
entfernter erscheinen, als es tatsächlich war. Feine
weiße Schneeflocken schwebten wie in Zeitlupe
vom Himmel und riefen in Unteroffizier
Georg Leißner fast vergessen Erinnerungen an
seine Kindheit wach. Er sah das von dunklen
Locken umrahmte Gesicht seiner Freundin Rachel
vor sich, als sie ein letztes Mal zu ihm gekommen
war, bevor sie und ihre Familie Deutschland für
immer verlassen hatten.

Mit geheimnisvoller Miene hatte sie ihm einen
Kirschkern in die Hand gelegt und ihm leise etwas
ins Ohr geflüstert. Er war wie betäubt gewesen bei
dem Gedanken, sie vielleicht nie mehr wieder
zusehen. Als sie fort war, hatte er in dem kleinen
Garten vor seinem Elternhaus ein Loch in
den Schnee gegraben und den Kirschkern
hineingelegt.
Seine Schwestern lachten nur „Daraus wächst nie
ein Baum, im Winter kann man nichts in die Erde
pflanzen.“ Doch er hatte sich nicht beirren lassen
und den Stein sorgfältig wieder mit Erde bedeckt,
bevor er zu Elisabeth und Maria aufsah. „Das ist
mein Kirschbaum und wenn ihr nicht aufhört zu
lachen, werde ich euch keine Kirschen abgeben.“
Wütend war er ins Haus gelaufen und hatte von da
an jeden Tag nachgesehen, ob sein Baum schon
wuchs. Als es Frühjahr wurde begann tatsächlich eine
kleine Pflanze aus der Erde zu sprießen.
FÜNF JAHRE Später war es dann endlich soweit, und er konnte
die ersten Kirschen von seinem Baum ernten.
Voller Stolz pflückte er sie und brachte sie
seiner Mutter in die Küche. „Backst du mir bitte
einen Kirschpfannkuchen?“, bat er, und seine
Mutter erfüllte ihm den Wunsch, und buk ihm
einen leckeren, goldbraunen Kirschpfannkuchen,
Sie war es, die ihm gesagt hatte, dass man die
Hoffnung niemals im Leben aufgeben dürfte.

„Es ist so friedlich und still hier, dass man den
Krieg beinahe vergesse könnte“, dachte er noch,
bevor die Hölle um ihn herum losbrach.
Blitze flammten vor ihm auf, und ein fürchterlicher
Knall ließ sein Trommelfell beinahe zerbersten. Die
Wucht der Explosion warf ihn zu Boden,
dann verlor er das Bewusstsein
Als er wieder zu sich kam, tobten unerträgliche Kopf-
schmerzen hinter seiner Stirn. Mühsam erhob er sich.
Der friedliche Zauber der Landschaft war verflogen,
der Schnee um ihn herum rot gefärbt.
Rudi starrte ihn aus leeren Augen an.
Die Mine, auf die einer von ihnen getreten sein
musste, hatte Werners, Thomas und Mathias Körper bis zur
Unkenntlichkeit entstellt.
Tränen rannen Georg über die unrasierten Wangen und
gefroren zu Eis, noch bevor sie sein Kinn
erreichten.

Blind vor Trauer und Wut erhob er die Arme und
schrie sinnlose Worte in den Himmel zu einem
Gott, der sie in der einsamen Weite Russlands
vergessen zu haben schien. Ohne auf seine
Umgebung zu achten, wankte er zurück zum Lager.

Eine raue Stimme riss ihn aus seiner Verzweiflung.
Er wandte sich um und sah in die blauen
Augen eines Russen, der eine Maschinenpistole auf
seine Brust gerichtet hielt. Georg hatte das Gefühl,
dass die Erde aufhörte sich zu drehen. „So ist es
also, wenn man dem Tod ins Auge blickt“, dachte
er und wunderte sich, dass er nicht die geringste
Angst verspürte. Der Deutsche und der Russe
starrten sich an. Die Sekunden dehnten sich,
wurden zu Minuten.
„Warum schießt du nicht endlich“,
unterbrach Georg das Schweigen.
Der Russe starrte an ihm vorbei.
In seinen Augen lag Ungläubigkeit.
Georg folgte seinem Blick, konnte aber nichts
Ungewöhnliches entdecken.
Er ließ das Gewehr sinken und wischte sich
verwundert über die Stirn. Direkt hinter dem
Deutschen stand ein Mädchen mit dunklen Locken,
eingehüllt in einem Mantel aus strahlendem Licht.

Er glaubte zu träumen, doch als er wieder
aufblickte, stand das Mädchen immer noch da, und
in seinen Ohren erklang ein Gesang, der lieblicher
war, als alles was er jemals gehört hatte. Das
Licht verblasste und löste sich langsam
in dem weißen Schnee auf.

Der Russe warf die Maschinenpistole achtlos zur
Seite und trat auf den Deutschen zu. Tränen liefen
ihm über die Wangen, als er von seinen
Gefühlen überwältigt, den Todfeind in die Arme
schloss und ihn auf beiden Wangen küsste.

Georg wusste kaum wie ihm geschah. Später, als
er wieder im Lager war und seinen Vorgesetzten
berichtete, was geschehen war, glaubten alle, er
hätte über den Tod der Kameraden den Verstand
verloren. Einige aber waren nachdenklich
geworden. Es war Weihnachten und die stille
Hoffnung, dass Gott sie in dieser Einsamkeit doch
nicht vergessen hatte, keimte in ihnen auf.

Georgs Mutter besuchte wie jedes Jahr mit ihren
Töchtern die Christmette und flehte Gott an, ihr
ihren Sohn zurück zugeben. Es war noch zu jung
zum Sterben. Drei lange Monate hatten sie nichts
mehr von ihm gehört, nur dass es viele Tote und
Verletzte in seiner Einheit gegeben hatte und die
Nachrichtenzufuhr seit Wochen unterbrochen war.
Jedes Mal, wenn Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit
sie zu übermannen drohten, rief sie sich
Georgs Worte in Erinnerung. „Vergiss nicht, dass
du es warst, die uns gelehrt hat, die Hoffnung
niemals aufzugeben“, hatte er beim Abschied zu
ihr gesagt und sie tröstend in den Arm genommen.

Als sie am nächsten Morgen mit Elisabeth und
Maria aus dem Haus trat, fiel ihr Blick auf den
Kirschbaum, den Georg als Kind gepflanzt hatte.
Sie trauten ihren Augen nicht und blinzelten einige
Male bevor sie erneut hinsah. Eine prächtige
rosafarbene Blüte leuchtete in den verschneiten
Ästen. Sprachlos vor Staunen sah sie
ihre Töchter an. „Es ist ein Wunder“, sagte
sie, nachdem sie ihre Sprache wieder gefunden hatte.
„Jetzt weiß ich, das Georg zurückkommen wird.“

Ein halbes Jahr später kehrte George Leißner
unversehrt zu seiner Familie zurück. Zur Feier des
Tages gab es Kirschpfannkuchen, und Georg
dachte an Rachel und ihr Geheimnis, das sie für
immer miteinander verbinden würde.

Hildegard Burri-Bayer

Weihnachten 2004

Endlich da: Das Kreuz des Schweigens

das-kreuz-des-schweigens

Klappentext

Das Schicksal der Welt liegt in den Händen eines jungen Mädchens…

Toulouse, 1198: Frankreichs reicher Süden blüht. Christen, Juden und Katharer leben friedlich miteinander. Die »reine« Lehre, wie das Katharertum genannt wird, erlebt einen wahren Siegeszug – und Roms Vormachtstellung droht untergraben zu werden. Der Papst und der König von Frankreich rufen zum Kreuzzug von Christen gegen Christen – die Ketzer zu bekehren ist indes nur ein willkommener Vorwand. Denn vor allem will die Kirche einen geheimen Schatz in ihren Besitz bringen, der sich in den Händen eines jungen Mädchens befindet …

 

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